Es war langwierig, den Lebensweg der Großmutter meiner Ehefrau zu rekonstruieren. Es galt ein fast undurchdringliches Dickicht von widrigen Umständen und familiären Tabuisierungen zu durchdringen. Letztendlich hat sich die Geduld, die man als ernsthafter „Familienforscher“ haben muss, gelohnt …

Emma wurde am 27. Juli 1908 in Rückersdorf geboren. In Böhmen gelegen, gehörte Rückersdorf bis 1918 zu Österreich-Ungarn.Nach dem Ende des ersten Weltkrieges 1914 – 1918 gehörte das Gebiet zur ersten Tschechoslowakischen Republik, die bis 1938 bestand. Mit dem Einmarsch Nazi-Deutschlands wurde das sogenannte „Sudetenland“ Bestandteil des Deutschen Reiches.
Schon daraus wird die komplizierte Situation für den Familienforscher deutlich. Sowohl in Österreich-Ungarn als auch in der CSR gab es keine Standesämter, die Führung von Personenstandsregistern war Sache der Kirchen..
Emma heiratete 23. Juni 1934 in Neustadt an der Tafelfichte ihren ersten Ehemann Erwin Baier. Das Paar wohnte anschließend in Heinersdorf an der Tafelfichte, wo auch ihre drei Töchter in den Jahren 1934, 1937 und 1939 geboren wurden. Erwin starb nur wenige Wochen nach der Geburt seiner dritten Tochter am 28.11.1939.
Bis zum Tode des Ehemannes hat die Familie über ein gewisses Einkommen verfügt. Danach muss es sehr schwierig geworden sein: eine alleinerziehende Witwe mit drei kleinen Kindern. Auch wenn der am 01.09.1939 begonnene Krieg zunächst weit weg schien, er hatte mit Sicherheit Auswirkungen auf das tägliche Leben.
Die wahre Katastrophe brach nach Beendigung des zweiten Weltkrieges über Mutter und Töchter herein. Auf Grundlage der Benes-Dekrete wurde alle Sudetendeutschen aus Böhmen und Mähren vertrieben. Mit einem der zahlreichen Transporte gelangte die Familie nach Rottleberode und ging von dort aus nach Pratau bei Wittenberg. Das genaue Datum des Transportes ließ sich bisher nicht feststellen. Auch der Weg von Rottleberode nach Pratau bleibt unklar. Die jüngste Tochter wurde 1946 in Pratau eingeschult.
Aus den Schulzeugnissen der jüngsten Tochter sind bis 1948 weitere Ortswechsel erkennbar: über Kulm ging es nach Schleife. In der Halbendorfer Straße fand sich 1949 eine Wohngelegenheit, die längere Zeit beibehalten wurde. – In der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR gab es diverse Probleme mit den „Vertriebenen“, die offiziell nicht so genannt werden durften und „Umsiedler“ genannt wurden. Es waren einfach zu viele Menschen, die untergebracht, versorgt und in Arbeit gebracht werden sollten. Es fehlte an allem: Schulbücher, Lehrmaterialien, Lebensmittel, ausreichend Wohnraum und nicht zuletzt an Arbeitsmöglichkeiten.
Über die folgenden Jahre gibt es nicht viele „Überlieferungen“. Im Juni 1956 heiratete sie ein zweites Mal. Zu diesem Zeitpunkt schien die Zukunft ihrer Töchter einigermaßen gesichert: die älteste Tochter war bereits verheiratet, die Hochzeit der zweiten Tochter war geplant. Die Jüngste befand sich in der Lehrausbildung in Weißwasser und hatte Unterkunft in einem Lehrlingswohnheim gefunden. – Die Ehe hielt nur kurze Zeit und wurde bereits im März 1957 nach nur 5 Monaten Dauer geschieden. Ob ich den Grund für die Scheidung wissen möchte, ist mir noch unklar. Ungewöhnlich ist es allemal …
Im April 1959 heiratete Emma zum dritten Male, nur wenige Tage vor der Hochzeit der jüngsten Tochter. Wenn ich den mündlichen Erzählungen glaube, dann lief auch in dieser Ehe nicht alles glatt. Der dritte Ehemann war ein „Patriarch“ vom „alten Schlage“: Die „gute Stube“ war tabu, es wurde getan, was der Mann sagte. – Natürlich kam Emma damit nicht zurecht. 1968 lebte das Paar bereits getrennt, es kam aber zu keiner Scheidung.
Fortan lebte Emma in einem Wohnheim des Fernsehkolbenwerkes Friedrichshain/Tschernitz. Dort bewohnte sie ein Einzelzimmer mit Zentralheizung. Es gab gemeinschaftliche sanitäre Anlagen und eine Gemeinschaftsküche. Ich kann mich noch gut an das Wohnheim erinnern, wir haben sie dort mehrmals besucht …
1990 wurde das Fernsehkolbenwerk im Zuge der Deutschen Einheit „abgewickelt“, das Wohnheim abgerissen. Emma zog zu ihrer zweiten Tochter nach Weißwasser. Als sie pflegebedürftig und bettlägerig wurde, übernahm die älteste Enkelin die Pflege. Hochbetagt schlief Emma am 08.05.2004 friedlich in den Armen ihrer ältesten Enkelin ein. Es war ein von Arbeit erfülltes und entbehrungsreiches Leben, in dem sie nie ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude verlor.